6.4.1 Bewertung von Material (Bewertungsart 10)
Voraussetzungen
Materialkäufe sind mit den durchschnittlichen Anschaffungskosten zu bewerten. Zu den Anschaffungskosten gehören: Eingangsfrachten, Verpackung, Zölle, Transportversicherung, Provisionen, Kommission, Speditionskosten, ggf. Anfuhr- und Abladekosten. Diese Kosten sind im Teilestamm jedem Material prozentual zuzuweisen. Die Zuweisung erfolgt im Feld ‚Nebenkosten’ im Dialog Einkauf 1. Der Prozentsatz der Nebenkosten muss vor Bewertung geprüft und ggf. aktualisiert werden.
Damit eine ordnungsgemäße Bewertung stattfinden kann, muss vor der Bewertung mit dem Programm "393 Lagerkennzahlen aus Lagerstatistik aktualisieren) die Lagerreichweite eines Teiles ermittelt und im Teilestamm abgestellt werden.
Die Bewertung für Material erfolgt nach folgender Vorschrift:
Ermittlung des „Originärwertes“ (1)
Der Wert wird aus dem Zählbestand und dem durchschnittlichen Einkaufspreis (GLD) ermittelt. Der GLD wird mit dem %-Satz der Nebenkosten aus dem Teilestamm beaufschlagt.
Beispiel: 
2.000 St * (40,-- * 1,25) € ergibt einen Originärwert von 100.000 € (bei 25% Nebenkosten).
Skonto-Abschlag (2) (Umbewertung wegen Skonti)
Da die Bruttomethode verwendet wird, wird der Skontoabzug bei der Ermittlung des GLD nicht berücksichtigt. Laut Bilanzvorschrift sind jedoch „Netto-Bestände“ auszuweisen. Der Prozentsatz wird auf Basis der Daten zum 30.06. ermittelt (Zugangsverhältnis aus den Skontoerträgen und den Käufen von Material und Handelswaren). Der Prozentsatz wird vom Anwender ermittelt.
Der Skontosatz wird im Selektionsdialog von "385 Inventurbewertung" als %-Satz eingegeben. Aus dem Originärwert (1) wird der Abschlagsbetrag ermittelt.
Der Abschlag wird auf der Bewertungsliste als Absolutwert ausgewiesen.
Beispiel: 
5 % auf den Originärwert 100.000 € ergibt einen Skonto-Abschlag von 5.000 €.
Abschlag wegen Niederstwert (3) (Umbewertung wegen Niederstwert)
Das Feld Inventurpreis im Teilestamm wird zur Abbildung der Tagespreise verwendet. Um die Aktualität des Inventurpreises feststellen zu können, wird dieses Feld zusätzlich um ein Datum ergänzt. Bei Änderung des Inventurpreises wird das Datumsfeld automatisch mit dem aktuellen Tagesdatum versorgt.
Eine Umbewertung wegen Niederstwert ist zu bilden, wenn der Tagespreis von gekauften Vorräten unter den bisherigen Anschaffungskosten (GLD) liegt. Als aktuell sind Werte anzusehen, die nicht älter als 3 Monate sind.
Alle bestandsführenden Materialpositionen, die keinen aktuellen letzten Einkaufspreis haben (zu prüfen über das Feld Datum letzten Einkaufspreis), werden im Vorfeld in einer separaten Liste ausgegeben und dem Einkauf zur Preispflege übergeben. Der zur Bewertung heranzuziehende Tagespreis wird in das Feld ‚Inventurpreis’ im Teilestamm eingetragen. Es genügt, wenn im Einkauf für 80% des zu prüfenden Materialwertes Tagespreise angefragt werden.
Dann kann als Niederstwert der GLD  oder der niedrigere Preis aus dem Feld Inventurpreis des Teilestamms herangezogen werden. Ist der durchschnittliche Einkaufspreis der niederste Preis, ergibt sich kein Abschlag aus der Niederstwertberechnung. Ist das Produkt aus Inventurpreis multipliziert mit dem Zählbestand niedriger wie der Originärwert, wird der Zählbestand mit dem Inventurpreis bewertet und die Differenz aus dem Originärwert (1) und dem errechneten Wert wird auf der Bewertungsliste als Absolutwert ausgewiesen.
Es wird eine zusätzliche Liste erstellt, die alle Abweichungen zum „Optipreis“ (niedrigster Wert gegenüber dem GLD) aufzeigt. Abweichungen größer 50% müssen ggf. nachbearbeitet werden (Preiskorrekturen). Die Liste ist vor der Inventur vollständig abzuarbeiten.
Im Teilestamm wird die letzte Änderung des Einkaufspreises und des letzten Einkaufspreises in eigenen Datumsfeldern festgehalten.
Beispiel:
Niederster Preis war 45 €. Damit ergibt sich ein Wert von 90.000 €. Als Differenz zum Originärwert werden 10.000 € ausgewiesen.
Ermittlung des „EWB vor Abschreibung“ (4)
Die Abkürzung EWB steht für „einheitliche Wertbasis“. Zur Ermittlung korrekter handelsbilanzieller und US-GAAP gerechter Werte, sind die unterschiedlichen Originärwerte auf eine einheitliche Wertbasis zu stellen. Dies ist durch die Umbewertung wegen Skonti und Niederstwert bereits geschehen. Der Wert wird aus dem Originärwert (1) abzüglich den Abschlagsbeträgen aus Skonto (2) und Niederstwertberechnung (3) ermittelt.
Negative Angaben beim EWB werden zwar ausgewiesen, aber in die weitere Berechnung fließt immer der Wert 0 ein. Die Summe zu EWB berücksichtigt die negativen Werte ebenfalls nicht.
Beispiel:
100.000 € Originärwert (1) abzüglich 5.000 € Skonto-Abschlag (2) und abzüglich 10.000 € Niederstwertberechnungs-Abschlag ergibt einen „EWB vor Abschreibung“ von 85.000 €.
Abwertung wegen Mengenrisiko (5)
Das Mengenrisiko wird nur berücksichtigt, wenn der INI-Eintrag „MengenRisiko“ in Sektion [MWI385] aktiviert ist (Default ist Yes).
Die Berechnung des Mengenrisikofaktors im Teilestamm erfolgt über die Lagerreichweite eines Teils bzw. wird im Teilestamm manuell gepflegt. Der hier errechnete Risikobetrag wird auf der Bewertungsliste als Absolutwert ausgewiesen.
Die Lagerreichweite wird mit dem Programm "393 Lagerkennzahlen aus Lagerstatistik aktualisieren" ermittelt und zusammen mit dem Mengenrisiko im Teilestamm abgestellt, d.h. es ist grundsätzlich erforderlich, vor jeder Inventurbewertung einen Statistiklauf durchzuführen. Die Berechnung der Lagerreichweite für die Inventur ist bei den erforderlichen Programmänderungen zu  M393 ausführlich beschrieben. Es können auch einzelne Lager für die Berechnung ausgeklammert werden, siehe Sektion [INVENTUR], Einstellung „LagerExkl“. Abhängig von der Lagerreichweite wird abgewertet. Dazu kann bereits im Programm "393 Lagerkennzahlen aus Lagerstatistik aktualisieren" ein Bewertungskennzeichen (bk) eingegeben werden, mit dem dann das Mengenrisiko aus der INI-Datei ermittelt wird. Der Aufbau der Sektion [MENGENRISIKO-bk] entspricht dem schon bekannten Aufbau für die bisherigen Bewertungsmöglichkeiten, wobei anstelle der Zeitangaben die Lagerreichweite ausgewertet wird. Z.B.
[MENGENRISIKO-STD]
LRW-24 = 60.00    (Teile mit Lagerreichweite größer 24 Monate werden mit 60 % abgewertet)
LRW-18 = 40.00    (Teile mit Lagerreichweite größer 18 Monate werden mit 40 % abgewertet)
LRW-12 = 20.00    (Teile mit Lagerreichweite größer 12 Monate werden mit 20 % abgewertet)
Alle Teile, deren Lagerreichweite kleiner als ein Jahr ist, werden nicht abgewertet.
Das Statistikprogramm stellt im Teilestamm nicht nur die Lagerreichweite sondern auch den ermittelten Abwertungsfaktor zum Mengenrisiko ab. Falls im Teilestamm im Datumsfeld zum „Mengenrisiko“ ein manueller Eintrag steht, wird der Risikofaktor allerdings nicht überschrieben. Damit bleibt ein in "111 Teilestamm bearbeiten" eingegebener Faktor erhalten, sofern zusammen mit der Eingabe des Faktors auch ein Änderungsdatum eingetragen wurde. Im Programm "393 Lagerkennzahlen aus Lagerstatistik aktualisieren") kann für Teile, die seit 12 Monaten keine Bewegung (bzw. keine Statistikeinträge) besitzen, das Datum zum Mengenrisiko auf „00.00.0000“ zurückgesetzt werden.
Die Abwertung wird aufgrund der Mengenrisikoangabe aus dem Teilestamm auf Basis des EWB  (4) durchgeführt. Mit der INI-Einstellung „MengenRisikoRB“ in Sektion [MWI385] kann die Berechnung der Abwertung laut Mengenrisiko verändert werden. Die Mengenbasis ergibt sich aus der Differenz zwischen Lagerbestand abzüglich aller Reservierungen bzw. Kundenaufträge. Je Bewertungsart kann über die INI-Einstellung „MengenRisiko-Bewertungsart“ in Sektion [MWI385] entschieden werden, ob nicht reduziert wird oder ob um die Materialreservierungen reduziert wird oder ob um die Kundenauftragsbestände reduziert wird. Die Reservierungen bzw. Kundenaufträge werden unabhängig von ihrem Termin betrachtet. D.h. auch Dispositionen ‚alter’ Aufträge, deren Termin vor dem Tagesdatum liegt, werden berücksichtigt und abgezogen, ebenso Aufträge, die in der Zukunft liegen. Siehe nachfolgendes Beispiel.
Die Korrekturmenge (Reservierungsbestand oder Kundenauftragsbestand) wird für die Ausgabe bereitgestellt.
Hinweis: Siehe auch Abwertung laut technischem Risiko (Punkt 6) und Abwertung laut Preisrisiko (Punkt 7).
Beispiel:
Mengenrisikofaktor ist 20 %, EWB war 85.000 €, also Abwertung um 17.000 €.
Beispiel mit Berücksichtigung des reservierten Bestands:
Lagerbestand 10 St, Wert 500 (laut EWB) und damit 50 Euro je Stück, Summe aller Reservierungen 6 St, Mengenrisiko 20%. Dann werden nicht die 10 St mit 20% abgewertet, sondern nur die Differenz aus Lagerbestand und reserviertem Bestand, also 4 St. Ergibt 20 % von 200 Euro (aus 4 St * 50 EUR), also 40 Euro.
Hinweis: Wenn die Mengendifferenz negativ wird, wird nicht abgewertet.
Abwertung laut technischem Risiko (6)
Das technische Risiko wird nur berücksichtigt, wenn der INI-Eintrag „TechRisiko“ in Sektion [MWI385] aktiviert ist (Default ist Yes).
Technisches Risiko liegt vor, wenn Vorräte auf Grund neuerer, eigener oder fremder Entwicklung technisch veraltet, bzw. mit Mängeln behaftet sind. Soweit mit technischem Risiko behaftete Vorräte durch Abwertungen für Mengenrisiko nicht oder nicht ausreichend abgewertet wurden, sind nach den jeweiligen Erfordernissen individuelle Abwertungen zu bilden und unter diesem Titel in einem Protokoll mit entsprechender Begründung zu dokumentieren (Dokumentation findet nicht in infra statt). Bereits bestehende Abwertungen wegen Mengenrisiko bleiben bestehen.
Das technische Risiko wird über eine Prozentangabe im Teilestamm verwaltet.
Der %-Satz für das technische Risiko führt zu einer weiteren Abwertung des Teils. Die Felder technisches Risiko und Mengenrisiko werden addiert.
Sollte die Summe der Werte zu groß sein (siehe INI-Einstellung SumRisiko in Sektion [MWI385], Default 90 %), wird bei dieser Position nicht weitergerechnet, sondern in der Bewertungsliste ein Fehler ausgegeben und die Werte der Zähllistenposition werden nicht mitsummiert.
Beispiele:
Mengenrisiko 40 %, technisches Risiko 20 % -> Abwertung um 60 %
Mengenrisiko 40 %, technisches Risiko 60 % -> Ausgabe Fehler, falls in INI 60 % eingestellt
Mengenrisiko 20 %, technisches Risiko 20 % -> Abwertung mit 40 %
Abwertung laut Preisrisiko (7)
Das Preisrisiko wird nur berücksichtigt, wenn der INI-Eintrag „PreisRisiko“ in Sektion [MWI385] aktiviert ist (Default ist Yes).
Analog zum technischen Risiko. Das Preisrisiko wird über eine Prozentangabe im Teilestamm verwaltet und darf, wie beim technischen Risiko beschrieben, zusammen mit dem Mengenrisiko und dem technischen Risiko einen bestimmten wert nicht überschreiten (siehe INI-Einstellung SumRisiko in Sektion [MWI385], Default 90 %).
Ermittlung des Inventurwertes (8)
Der Wert ergibt sich aus dem „EWB vor Abschreibung“ (4) vermindert um den Abschlag aus dem Mengenrisiko (5), dem technischen Risiko (6) und dem Preisrisiko (7).
Beispiel:
Aus dem „EWB vor Abschreibung“ von 85.000 € (1) abzüglich 17.000 € Abschlag laut Mengenrisiko (5) ergibt sich ein Inventurwert von 68.000 €. Die Zwischenergebnisse und die Abschläge werden sowohl je Zähllistenposition als auch als Summe auf der Bewertungsliste ausgewiesen.
Sortierung sollte nach Werthaltigkeit der Position sein.